Positionsmeldung

Berlinale

  • 52° 31' 8'' N, 13° 21' 54'' E

     

    website blog 241

    Die Bären sind vergeben. Das Festival ist beinahe zu Ende.
    Ein kleiner Rückblick auf meine Lieblingsreihe: die Kinder- und Jugendfilme der Berlinale. Bei den Generation Filmen ist die Begeisterung noch größer, sowohl auf Seiten des Publikums aus mehreren Generationen als auch auf Seiten der Filmcrews. Es sind Low-Budget-Filme, die vom Engagement aller Beteiligten leben, nicht zuletzt von den jungen Schauspielern, die den Protagonisten Gesichter und Stimmen geben. Es sind Filme der Suche, der Verzweiflung, aber auch der Hoffnung.
    Hier nun drei Filme, die keine Preisträger geworden sind und wahrscheinlich auch nicht in unseren Kinos auftauchen werden, was ich sehr schade finde.

    1. Weirdos (Bruce McDonald)

    Es ist nicht leicht, Mitte der Siebziger anders zu sein als die normalen Teenager auf dem Land in Nova Scotia. Kit will weg zu seiner Mutter in die größere Stadt. Mit seiner Freundin macht er sich auf den Weg (eine solch ehrliche und solidarische Freundin kann man nur jedem wünschen) und mit Andy Warhol, der immer wieder an seiner Seite auftaucht. „Everyone’s a weirdo”, sagt er. Was vielleicht als Motto des schwarzweißen Roadmovies gelten kann. Sich das einzugestehen, ist schmerzhaft und gleichzeitig der einzige Weg, eine Reise zur Wahrheit.

  • 52°31'22''N,13°23'18''E

     

     

    website blog 239Gründe für die Berlinale:
    Filme (offensichtlich), Entdeckungen (manchmal), Begeisterung (immer)

    Noch einmal 4 von 400 — von bitterböse bis herzlich:

    1. Wilde Maus (Josef Hader)

    Haders Musikkritiker ist kein netter Mensch, sein Blick auf die Welt, die Musik, seine Beziehung ist eher negativ und fatalistisch. Die Kündigung durch seinen deutschen Chef führt zu einem absurden Rachefeldzug. Das lebt von Übertreibungen, von Dialogen und Taten, die immer ein bisschen schräger und gemeiner sind, als man sich normalerweise traut. Und es macht Spaß, dabei zuzusehen, beim vergeblichen Anrennen  — auch buchstäblich — gegen die Absurdität des Lebens.

    2. The Party (Sally Potter)

    Es wird keine Feier geben in dem kürzesten Film im Wettbewerb. Stattdessen ein Feuerwerk an Dialogen, die alle Lügen und Schwächen offenlegen. Eine schwarzweiße Welt in Wohnzimmer, Küche, Bad und einem kleinen Hinterhof. Statt die Ernennung der Gastgeberin zur Gesundheitsministerin zu feiern, wird abgerechnet. Auf jeden Satz folgt eine Replik, die alles nur noch schlimmer macht. Ein bissiges, sehr unterhaltsames Bild des liberalen Bürgertums mit einem hervorragenden Schauspielerensemble.

  • 52°31'22''N,13°23'18''E

     

     

    website blog 234Vier Mal Familien, Beziehungen, Strategien der Problemlösung.
    Zwei Mal im Forum, zwei Mal im Wettbewerb.

     

    1. Werewolf (Ashley MCKenzie)

    Die Kamera rückt nah, fast zu nah — man sieht Haare, Füße, den halben Ausschnitt eines Gesichts. Den Portionierer für Methadon in einer Apotheke, das hastige Schlucken. Ein junges Paar versucht, zusammen clean zu werden. ihre Welt ist eng: die kleine Stadt in Kanada, Sozialstation, Arzt, Apotheke, ein verlassener Wohnwagen. Man möchte sie schütteln — Ihn, damit er endlich aufhört, die Verantwortung für sein Elend allen anderen zu geben, und sie, damit sie ihn endlich verlässt. Sie wollen beide weg, aus diesem Ort, aus diesem Leben. Immer wieder reden sie davon.
    Die Regisseurin und die meisten von der Filmcrew kennen den Ort gut, es ist ihre Heimat. Wohl auch deswegen wirkt der Film sehr dokumentarisch — mit Ausnahme der beiden Hauptfiguren agieren Laien.

    2. Barrage (Laura Schroeder)

    Drei Generationen, Großmutter, Mutter, Tochter. Drei Generationen Disziplin und Pflicht, Scheitern und Enttäuschung. Catherine sucht Kontakt zu ihrer Tochter Alba, die sie vor zehn Jahren bei der Großmutter Zaza zurückgelassen hat. Es geht zunächst schief, muss schiefgehen, denn Catherine ist gefangen in Abwehr und Ablehnung, dem eigenen Scheitern. Blicke, Schweigen, vorsichtige Annäherung, ein wilder Tanz von Mutter und Tochter am See. Überhaupt die Musik, sie spielt in der Musikbox, die Catherine für ihre Tochter angeschafft hat, sie begleitet beide in den Wald, an den See. Musik ist das Element Hoffnung, die Annahme dessen, was war, was wurde, was ist.

  • 52° 30' 29'' N, 13° 22' 21'' E

     

     

    website blog 219Die Wohngemeinschaft in Kollektivet (Thomas Winterberg) ist mit allen Schrullen nur der Hintergrund für die Geschichte vom Zerbrechen einer Familie, der Beinahe-Zerstörung einer Frau, für deren Darstellung Trine Dyrholm völlig zu Recht den Silbernen Bären erhalten hat. Mit einem Glas Wein sitzt sie am Tisch der Wohngemeinschaft, die sie wollte, der sie den Einzug der Freundin ihres Mannes vorgeschlagen hat, und fleht die junge Frau nun an, ihn ihr ab und zu im Bett zu überlassen. Sie kann sich nur selbst retten, nicht aber ihre Ehe. Und ausgerechnet die pubertierende Tochter ist die Einzige, die das klar sieht.

  • 52°31'22''N,13°23'18''E

     

     

    website blog 217Chi-raq (Spike Lee) will aufrütteln, laut, grell, mit all der Wut, die man darüber haben kann, dass in Chicago in den letzten 15 Jahren mehr Amerikaner durch Waffengewalt gestorben sind als in den Kriegen in Afghanistan und Irak zusammen. Im Vorspann ploppen blutrot die gerappten Texte von Nick Cannon und die Zahlen auf. Und so deutlich geht die Geschichte von Lysistrata und dem Streik der Frauen für den Frieden weiter. In Versen, pathetisch, mit drastischer Komik. „No peace, no pussy.” Weltweit.

    In Genius (Michael Grandage) treffen der Lektor Max Perkins und der Schriftsteller Thomas Wolfe aufeinander, trifft die überbordende Sprachgewalt von Wolfe auf den Rotstift des Lektors. Spannend, wie von einem in wunderbaren Worten beschriebenen Absatz nur ein einziger Satz übrig bleibt, der eindeutig stärker wirkt. Noch spannender, wie Colin Firth und Jude Law den stillen Lektor und den manischen Schriftsteller geben. Ein Schauspielfest.

  • 52°31'22''N,13°23'18''E

     

     

    website blog 216The Music of Strangers (Morgan Neville) ist eindeutig einer der Höhepunkte des Festivals. Der Cellist Yo-Yo Ma, seit frühester Jugend als Wunderkind gefeiert, gründete 2000 das Silk Road Project, lud Musiker aus aller Welt ein, um die Musik der anderen kennenzulernen, sich auszutauschen und zusammen zu musizieren.
    Der Dokumentarfilm im Berlinale Special skizziert kurz den Weg dahin und porträtiert vier der circa 60 Musiker, die in wechselnder Besetzung das Silk Road Ensemble bilden. Es ist die Suche nach Verbindung der Kulturen. Der Syrer Kinan Azmeh musiziert mit Kindern in einem syrischen Flüchtlingslager. Die Chinesin Wu Man besucht Musiker in einem chinesischen Dorf. Der Iraner Kayhan Kalhor, ein Meister auf eine alten persischen Instrument, kann seine Heimat nicht betreten. Die Spanierin Cristina Pato pflegt das Spiel auf dem galizischen Dudelsack und schreibt Lieder für die demenzkranke Mutter.

  • 52°31'22''N,13°23'18''E

     

     

    website blog 215Eine Lyrikerin in Amherst, eine Philosophielehrerin in Paris, eine Kulturmanagerin und eine Anthropologin in New York. Eine Biografie, ein Porträt, eine Komödie.

    Vor 140 Jahren blieb Emily Dickinson in ihrer calvinistischen Familie, im engen Korsett gesellschaftlicher Tabus nur der Rückzug in ihre Gedichte und schließlich in ihr Zimmer. A Ouiet Passion (Terence Davies), wobei die Betonung bei Leidenschaft in diesem Film auf dem Leiden liegt, keine Freude nirgends, nur die Poesie. Das Bild einer mit sich selbst und allen anderen strengen Frau in Weiß, schmerzhaft realistisch dargestellt von Cynthia Nixon.

    Wie geht eine Intellektuelle unserer Zeit in der Mitte ihres Lebens mit Verlusten um: L’Avenir (Mia Hansen-Love) zeigt umgeschönt aber auch unaufgeregt den Weg in ein anderes Leben, eine Neuorientierung. Isabelle Huppert findet als Lehrerin Halt in der Philosophie, ersetzt das Verlorene nicht, ist verletzt, unversöhnlich und findet sich in eine neue Rolle. Allein.

  • 52°31'22''N,13°23'18''E

     

    website blog 213

    Ein Recht auf Glück hat der Festivalchef für die 66. Berlinale als Motto ausgerufen. Natürlich möchte jeder glücklich sein und es sind die wundervollen Momente, in denen es auch gelingt. Manchmal sogar in den Filmen.
    In dem Eröffnungsfilm Hail, Caesar! (Joel und Ethan Coen) ist es eher das Glück des Zufalls, das dem Studiochef Mannix unter die Arme greift. Aber der Plot ist sowieso nicht das Wichtigste an der rasanten Abfolge von Filmzitaten aus dem Hollywood der 50er Jahre, grell und bunt entfalten sie ihren Zauber und werden im selben Moment gebrochen. (Meine persönliche Lieblingsszene ist die Tanzszene in einer Matrosenbar, in der Channing Tatum wie Gene Kelly singt und steppt bis alle Matrosen in ausgelassener Erotik miteinander tanzen.) Demontiert wird Stück für Stück nicht nur der Zauber Hollywoods, sondern auch die verklemmte, kommunistenfeindliche Atmosphäre, wobei auch idealistische kommunistische Drehbuchautoren ihr Fett wegbekommen, dazu alle Kirchen, Schauspieler und Regisseure. Kurzum, ein anarchisches Vergnügen.

  • 52° 31' 7'' N, 13° 21' 53'' E 

     

    website blog 194

    Mein Lieblingssektion auf der Berlinale sind die Kinder- und Jugendfilme. Nicht nur, weil die meisten dieser Filme nie bei uns ins Kino kommen, und die Berlinale eine fantastische Gelegenheit ist, sie doch zu sehen und zu entdecken, nicht nur, weil die engagierten Filmemacher und Schauspieler sich nach jeder Vorstellung den Fragen des Publikums stellen, und nicht nur, weil eben dieses Publikum mit Feuereifer dabei ist und dabei sein kann bei 2 - 4 € Eintritt, sondern auch, weil es mitreißendes Kino ist. 

    1 — You’re ugly, too. Ein Kinderfilm aus Irland, eine schwierige Annäherung zwischen Nichte und Onkel in einem Trailerpark in Irlands mittleren Westen. Das Mädchen muss den Tod der Mutter verwinden, der Onkel ist auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen worden, um für sie zu sorgen. Ist es der Richtige dafür? Der Film gibt keine klare Antwort, eine der Stärken neben einer scharfzüngigen kleinen Hauptdarstellerin, einem klugen Blick auf Menschen im Übergang und einem sehr spezifischen Humor. Den Anstoß zum Film gab übrigens die Mutter des Hauptdarstellers, die ihn gerne einmal in einer netten Rolle sehen wollte. Wunderbar.

  • 52° 30' 33'' N, 13° 22' 33'' E

     

     

    website blog 192Immer wieder beeindruckend: die vielen Menschen, die vollen Kinosäle, die (meistens vorhandene) Geduld, die Begeisterung. Mittendrin im Sog, im Rausch.

    1 — Love and Mercy: Was wäre, wenn er eines Tages, die Musik nicht mehr im Kopf hören würde, fragt der Mann am Klavier. Sehr jung sieht er aus. Natürlich kenne ich die Hits der Beach Boys, obwohl sie in meiner Jugend schon nicht mehr cool waren, „Good Vibrations” ist zeitlos. An Fotos mit Surfern in kurzen Hosen kann ich mich auch noch erinnern. Die Musik im Kopf ist Brian Wilson geblieben, allerdings gesellten sich auch Stimmen dazu. Paul Dano spielt ihn auf dem Höhepunkt der Karriere in den 60er, John Cusack ist der Musiker Anfang der 90er, abgeschirmt von der Außenwelt durch einen Psychiater, unter Medikamenten, auf Rettung hoffend. Musikgeschichte — im Abspann singt Brian Wilson selbst „Love and Mercy” auf einem Konzert im neuen Jahrtausend. Und dann kommt er auch persönlich auf die Bühne, schließlich ist es eine Gala — und alle stehen auf, applaudieren dem alten Mann, dessen Stimme erstaunlich kräftig klingt. Faszinierend.

  • 52° 30' 33'' N, 13° 22' 33'' E

     

     

    website blog 188Stehvermögen und Sitzfleisch sind gefragt in den ersten zwei Februarwochen, Zeit natürlich auch, um das Programm zu studieren, sich beim Vorverkauf anzustellen, vor dem Kino erneut in der Schlange zu stehen. Sofern man also nicht beruflich mit dem Film zu tun hat, braucht es Begeisterung und Einsatz, was wiederum zu einer ganz besonderen Stimmung beiträgt — freundlich, fröhlich und erwartungsvoll begibt man sich auf die Jagd, gespannt sitzt man in großen und etwas kleineren Sälen. Und wie bei vielen Überraschungen warten hinter dem Vorhang Grandioses und Mittelmäßiges, Berührendes und Langweiliges.

    1 — Sangue azul: Die Worte des Sektionsleiters hätten uns warnen sollen, er sprach von Tabubrüchen, unter der die Macher des brasilianischen Eröffnungsfilms dann vor allem Vögeln in verschiedensten Varianten verstanden, inklusive Inzest — dazwischen bedeutungsschwangere, pseudo-mythologisch aufgeladene Bilder (nicht nur ein Pfahl, sondern gleich der ganze Zaun) sowie unterirdische Dialoge. Ärgerlich.

    website blog 1892 — Une jeunesse allemande: Ein junger französischer Dokumentarfilmer beschäftigt sich mit der Geschichte der RAF anhand von vorhandenem Filmmaterial aus dieser Zeit. Wir sehen Bekanntes und Unbekanntes: Ulrike Meinhof, wie in einer Fernsehdiskussion unter lauter sehr seriös aussehenden Männern die bundesrepublikanische Gesellschaft analysiert. Holger Meins, der begeistert sein Studium im ersten Jahrgang an der Filmhochschule Berlin aufnimmt. Eine rote Fahne, die als „Farbtest” wie eine Fackel durch Berlin getragen wird.