Positionsmeldung

Nora

Willkommen

Positionsmeldung erzählt von Reisen. Manche führen aufs Meer, manche nur ein paar Schritte vor die Haustür, manche ereignen sich auf Papier, auf Bühne und Leinwand oder virtuell.

Ich freue mich über Begleitung.

 

52° 30' 12'' N, 13° 19' 11'' E

 

website blog 180„Vergebung wird schwer unterschätzt”, sagt ein irischer Priester auf die Frage seiner Tochter nach den Tugenden im Film „Am Sonntag bist du tot”.
Jahreszeitgemäß verlagert sich mein Tun von Draußen auf Drinnen, schaue ich weniger aufs Meer denn auf Bildschirm, Buch und Leinwand, und wie kein anderer Monat eignet sich der November zum Nachsinnen.

Calvary heißt der Film im Original, Golgatha, was mir passender erscheint, denn für mich ist es keine Tragikomödie mit skurrilen irischen Typen, wie deutscher Titel und Trailer suggerieren, sondern vor allem eine Reflexion über Schuld und Vergebung, über Verleugnung und Trauma, über Opfer und Täter. „Mit sieben habe ich zum ersten Mal Samen geschluckt”, sagt ein Mann im Beichtstuhl gleich zu Beginn des Films. Es verschlägt dem Priester die Sprache, er findet keinen Trost für den Mann, der jahrelang von einem katholischen Priester missbraucht wurde. Der Satz mit der Vergebung fällt spät im Film. Am Ende stirbt ein Unschuldiger und ganz zuletzt wird dem Mörder vergeben. Beide Szenen sind ein ein Schock. Im Kinosaal war es totenstill.

Und doch war ich beim Verlassen des Kinos in eigentümlich friedlicher Stimmung. „Vergebung wird schwer unterschätzt.” Allerdings. Und zwar sowohl für die Täter als auch für die Opfer, sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft. „Vergeben, aber nicht vergessen” stand über dem Eingang des Denkmals für die jüdischen Märtyrer in Paris, das wir auf einer Klassenreise 1972 besuchten. Ich war vierzehn, fühlte mich diffus schuldig und schämte mich, Deutsche zu sein, „nicht vergessen” war für mich Synonym für ewige Schuld und Scham. Wie vielen anderen war mir der Unterschied zwischen vergeben und vergessen nicht klar, waren die Worte ein Paar, das nur gemeinsam Absolution versprach. Vielleicht lag es daran, dass es auch in meinem Leben vieles gab, was ich nicht vergessen und schon gar nicht vergeben konnte, weder anderen noch mir selbst. Ich grollte und litt.

website blog 181Jahrzehnte später gab es auf einem anderen Kontinent den Versuch, ein Land mit Vergebung ohne Vergessen zu versöhnen. Nach dem Ende der Apartheid beschloss das südafrikanische Parlament 1995 die Einsetzung einer „Wahrheits- und Versöhnungskommission”. Tätern, die bei einer öffentlichen Anhörung die Wahrheit über ihre politisch motivierten Taten berichteten, konnten mit Amnestie rechnen. Tatsächlich gab es trotz aller Widerstände von beiden Seiten eine ganze Reihe von Fällen, in denen Vergebung und Versöhnung das Ergebnis waren. Fassungslos und tief berührt habe ich die Szenen damals in einem Dokumentarfilm verfolgt. „Vergebung ist Erinnerung, um Brücken zu unseren Mitmenschen zu bauen und uns von der hasserfüllten Wut zu erlösen, die uns manchmal gefangen hält”, schreibt Pumla Gobodo-Madikizela. Nicht vergeben und vergessen gehören zusammen, sondern vergeben und erinnern, anerkennen von Schmerz und Schuld.

Ein paar Jahre darauf saß ich am 9.November abends vor dem Fernseher und weinte heiße Tränen über Trabis auf dem Kurfürstendamm, jubelnde Menschen an der Bornholmer Straße. In meiner Brust brannte lichterloh die reine, unschuldige Freude, ein unfassbares Glück.

Ein Vierteljahrhundert später schafft die Lichtgrenze durch Berlin ein Bild der gemeinsamen Erinnerung, verbindet Ost und West, doch Vergebung wird immer noch schwer unterschätzt. So wie in vielen Konflikten weltweit Hass und Rache die Bilder prägen, so setzt man im wiedervereinigten Land nicht nur zur Feierstunde im Bundestag auf Ab- und Aufrechnung statt auf Versöhnung. Vergebung braucht Zeit, braucht Wahrhaftigkeit, sie nimmt nicht den Schmerz und beschönigt auch kein Unrecht, doch sie gibt Opfern und Tätern Frieden.

„Ich vergebe dir”, sagt die Tochter im Film zu dem Vater, der sie nach dem Tod der Mutter verlassen hat, um Priester zu werden. „Und ich vergebe dir”, antwortet der Vater. „Jeder von uns kann eine friedlichere Welt erschaffen, und zwar dort, wo wir in dieser Welt gerade stehen" , schreiben Desmond Tutu und seine Tochter Mpho in Das Buch des Vergebens. Fangen wir damit an.

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