Positionsmeldung

Nora

Willkommen

Positionsmeldung erzählt von Reisen. Manche führen aufs Meer, manche nur ein paar Schritte vor die Haustür, manche ereignen sich auf Papier, auf Bühne und Leinwand oder virtuell.

Ich freue mich über Begleitung.

 

53° 44' 10'' N, 14° 3' 2'' E

 

 

website blog 178Irgendwann ist auch der schönste Sommer zu Ende, irgendwann sind auch die milden Septembertage vorbei und der goldene Oktober zeigt sich nur noch in bunten Herbstblättern. Am Abend wird es früh dunkel, und die Nachttemperaturen bewegen sich im unteren einstelligen Bereich — dann heißt es absegeln, ein letztes Wochenende genießen.

Wir haben Glück, in diesem Jahr scheint die Sonne am ersten Oktoberwochenende, wärmt noch so stark, dass uns sogar Segler mit nacktem Oberkörper begegnen, denen der Wind von hinten Spi und Gennaker bläht. Auf dem Gegenkurs sitzt die Seefrau schon in Ölzeug und Fleece an Deck, und selbst der Kapitän steht im Dreilagenmaterial am Ruder. Aber das Haff zeigt sich von seiner besten Seite, kaum Welle, mäßiger Wind, am Abend so leicht, dass wir ein letztes Mal in diesem Jahr ankern und mit einem Glas Wein in der Hand zuschauen, wie die Sonne am wolkenlosen Himmel sinkt und hinter dem Schattenriss der Bäume verschwindet.

website blog 179Viel ruhiger als im Sommer ist es im Herbst, stimmungsvoller am Morgen im Nebel. Seefrau und Kapitän kriechen zusammen, sogar die Bücher haben sich angepasst — das gallige Holzfällen von Thomas Bernhard umkreist in großen Schleifen die Erregung, und das gewaltige Wir Ertrunkenen von Carsten Jensen erzählt von verschwundenen Seefahrern, von vergangenen Seiten und vom Meer. Abschied überall. Wer jetzt kein Schiff hat, wartet bis zum Frühling.

Doch vor die Winterruhe hat der liebe Gott das Ausräumen und das Abschlagen der Segel gestellt, das Einpacken, Einfetten und Einwachsen. Machen wir das sofort, solange die Sonne noch scheint oder verschieben wir es auf später, auf die Gefahr hin, dass es dann regnet, was wiederum für Kapitän und Seefrau unangenehm, für Segel und Holz schädlich wäre? Sonne oder Pflicht? Die Vernunft siegt wie immer, also Pflicht statt Sonne.

Zwei Stunden später sind die Segel im Wagen, Betten abgezogen, Kombüse geleert und noch diese und jene Kleinigkeit erledigt — vollkommen erledigt sind auch Kapitän und Seefrau, denn im besten Lebensalter haben die Jahrzehnte zuvor ihre Spuren hinterlassen. Die Volver liegt nackt und bloß am Steg, wartet auf den Kran. Auf den Alleen fallen die Blätter.

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