Positionsmeldung

Nora

Willkommen

Positionsmeldung erzählt von Reisen. Manche führen aufs Meer, manche nur ein paar Schritte vor die Haustür, manche ereignen sich auf Papier, auf Bühne und Leinwand oder virtuell.

Ich freue mich über Begleitung.

 
  • Sinn und Zweck — Sonntag in Berlin

    52° 28' 25'' N, 13° 24' 19'' E

     

     

    Grün sprießt in Überfülle, flutet Bäume und Gärten, bunte Folien, Flaschen und Pappen quellen auf Mülleimer an Seen und liegen als Potpourri am Weg, über den die Laufschuhparade rennt, joggt oder walkt.

    Wir leben im Überfluss, hecheln dem Optimum hinterher, und ein bunter Strauß an Widersprüchen, Halbwahrheiten und schierem Blödsinn quillt täglich an allen Ecken und Enden hervor, liegt mündlich, schriftlich und virtuell am Weg.

    website blog 139I'm an alien … ein Jahr raus aus dem üblichen Trott.

    Sogenannte Sachbücher blasen Stammtischparolen in Bestsellerlisten, junge Mädchen posten Selfies vom thigh-gap, einem luftleeren Raum zwischen den Oberschenkeln, der früher nur Modells und Barbiepuppen vorbehalten war. Europa baut sich zu einer Festung aus, die Groko macht Geschenke statt Politik und verhandelt hinter geschlossenen Türen über Abkommen, die es Unternehmen erlauben, aufgrund entgangener Gewinne gegen Gesetze zu klagen.

    Und dann wählt Europa Rechtspopulisten, als hätte es Faschismus nie gegeben, als wären Fremde das Problem und nicht eine längst überholte Wachstumsdoktrin, die alles dem Zweck unterordnet und den Sinn verliert.

    Doch schwarz ist nicht alles, es gibt auch bunt: Ein Feld bleibt frei, dank der Initiative von 100% Tempelhofer Feld. Berlin wählt Platz statt Prestige, Sinn statt Zweck. Super.

  • Westcork — die wilde Ecke Europas

    51° 29' 13'' N, 9° 42' 60'' W

     

    website blog 135

    Hecken, Kurven, grauer Himmel bis zum blaugrauen Atlantik. Seit Tagen stürmt es oder regnet oder regnet stürmisch oder stürmt mit Sonnenschein, aber das eher selten. Ein Irlandurlaub hat immer auch etwas von Überlebenstraining. Nicht, dass Leib und Leben wirklich in Gefahr wären, jedenfalls nicht mehr als bei anderen Urlauben, doch eine gewisse Robustheit ist gefragt — körperlich, um sich Kälte und Regen in den Weg zu stellen, ohne krank zu werden, psychisch, um nicht im Warten auf einen Sonnenstrahl zu verzweifeln.

    Vielleicht ist es auch ein wenig wagemutig zu ungewöhnlichen Zeiten die Insel aufzusuchen, schon oft waren wir im Oktober hier, diesmal eben Anfang Mai, der den Bauern sicher Scheun und Fass füllt, uns aber meist im Haus festhält. Doch auch den nassesten August seit Menschengedenken haben wir irgendwann einmal mitgenommen. Verlassen kann man sich in Irland nur auf den Regen und den Wechsel. Der kommt sicher, und wenn dann die Sonne am blauen Himmel steht, ist Irland eines der schönsten Länder auf dieser Erde. Nur dass der große Heizstrahler eben oft verhangen ist, und Stürme aus dem Westen über die Insel fegen. Es stürmt also, und selbst die Jugendlichen sagen ihre Strandparties ab. Schwimmen gehen sie dennoch, bei elf Grad Außentemperatur.website blog 136

    Unter drei Decken schlafen wir lange, ausruhen kann man fantastisch in Westcork mit Blick auf das Meer, auf grüne Wiesen und gelben Ginster. Herz und Seele lüften. Zum Markt fahren. Biogemüse, selbstgemachter Ziegenkäse und Yoghurt, selbstgebackenes Brot und ein kleiner Schwatz. Organic food neben allem, was man selbst herstellen kann oder im Keller findet. Im äußersten Südwesten Europas stehen eben keine Hightech-Fabriken, sondern Farmen mit Schafen, Kühen und Gemüse, vorzugsweise Kartoffeln. Ein Fach in der Oberschule ist Landwirtschaft, und unsere Tochter weiß nach einem Dreivierteljahr in Irland mehr darüber als die in Berlin aufgewachsene Mutter, die nur zu Besuch kommt. Entbehrungsreich und fordernd war das Leben in dieser Ecke Europas schon immer, weshalb das reichhaltige und günstige Angebot deutscher Billigmarktketten mit vorsichtiger Begeisterung aufgenommen wird. Europa ist Segen und Bürde.

    Am Abend am bullernden Holzofen ist Europa zu Gast. Irland hat ein besonderes Verhältnis zum ESC, denn das kleine Land hat den Wettbewerb am häufigsten gewonnen, sieben Mal insgesamt. All Kinds of Everything könnte ich auch noch mitsummen. In Kopenhagen ist kein irisches Lied dabei, doch diesmal gewinnt Europa, stimmt mehrheitlich für Toleranz, für Conchita Wurst, die Künstlerin, die Kunstfigur, die sich gerade das auf die Fahnen geschrieben hat. Auch von Irland gibt es zwölf Punkte für Österreich. Rise like a Phoenix.

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