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Geschrieben von Nora Lachmann

42° 39' 00'' S, 73° 48' 00'' W

 

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Dieser Post sollte vom Reisen handeln, von Fahrten, die über mehrere Monate gehen, von dem, was sich ändert im Lauf der Zeit. Ich wollte von Gewinnen schreiben, weil viel Zeit zur verfügung steht, von diesem Luxus, und von der stärkeren Auseinandersetzung mit den eigenen Wünschen und Erwartungen, von den anstrengenden Seiten und von den Wundern und dem Wunderbaren. Das alles wollte ich schreiben und da gab es ja auch eine Menge zu berichten, weil wir eine Menge Menschen kennengelernt haben, die wesentlich länger als wir unterwegs sind oder sein werden, Jahre zumeist, und weil wir ein paar Tage auf der Farm von Klaus und Claudia waren, die 16 Jahre auf ihren Motorrädern durch die Welt gefahren sind und nun auf einem wunderschönen Flecken Erde in Argentinien leben. Ich wollte von den Begegnungen erzählen, von den Menschen, die das Reisen für mich so einmalig und wichtig machen.

Ich wollte schwärmen ... Ich wollte schreiben, wie schön es ist, nicht an feste Orte oder Zeiten gebunden zu sein, sich verwunschene Plätze und Märchenausblicke suchen zu können, auch wenn dabei manchmal buchstäblich ein Griff in die Tonne verbunden war. Ich hatte es auch alles schon aufgeschrieben, doch es ist weg, ein Verlust dieser Reise. Denn uns ist genau das passiert, wovor alle immer warnen. Wir wurden ausgeraubt, am helllichten Tag, auf einer viel befahrenen Straße, vor aller Augen und doch unbemerkt.

Wir waren völlig arglos, vielleicht weil wir so viele gute Erfahrungen in Argentinien und Chile gemacht hatten, weil wir so vielen freundlichen und hilfsbereiten Menschen begegnet waren, weil wir darauf eingestellt waren, irgendwann auf diesen Straßen eine Reifenpanne zu haben und froh waren inzwischen ein Reserverad und das nötige Werkzeug an Bord zu haben. Vielleicht auch, weil die Sonne schien, wir so schöne Tage auf Chiloe verbracht hatten, weil wir die Weiterreise planten und ich den baldigen Rückflug zur Beerdigung meiner Mutter.

D2A1880E 15BA 4162 9508 E922E6025A1DWir waren arglos, als ein chilenisches Ehepaar mit kleinem Hund neben uns hielt und seine Hilfe anbot, die Straße sicherte, freundliche Warnungen aussprach. Sicher war es gefährlich, im Wagen sitzen zu bleiben und ich wollte ja auch helfen, denn schließlich musste die halbe Heckgarage ausgeräumt werden. Der Mann entschuldigte sich für sein schlechtes Englisch, die Frau erzählte von dem schönen Ort, den wir hinter der Baustelle erreichen würden.

Wir waren arglos und beschäftigt, als sich das Ehepaar wieder verabschiedete. Dann war der Reifen gewechselt und der Platz vor unseren Sitzen eigentümlich leer. Geld, Kreditkarten, Laptop und Papiere — alles fort. Nur die Pässe hatten wir noch, das versteckte Geld und die Handys.

Und dann fiel der Groschen, dann war klar, wie dieser Schnitt in den Reifen gekommen war (nicht durch einen Stein, sondern durch ein Messer), und wie geschickt die Diebe den Augenblick gewählt hatten. Und wie wenig wir auf so etwas vorbereitet gewesen waren.

Nun brauchten wir Hilfe und die kam am nächsten Tag in Gestalt von Carlos (dank Friederike), der mit uns drei Stunden durch die verschiedenen Behörden Castros marschierte, den engagierten Menschen im Rathaus, die Stempel unter Dokumentkopien setzten, und drei jungen Männern im nahen Reisebüro, die diese Kopien ausgedruckt hatten.

Zwei Tage später verlassen wir die schöne Insel Chiloe, das hübsche Städtchen Ancud, den einsamen Strand am Mar Brava, das nicht so einsame und damit auch ein wenig gefährliche Stück der Panamericana. Wir reisen weiter in unserem mobilen Heim, ein wenig ängstlicher als zuvor.