TOP

website home 3

 

 

Willkommen

Positionsmeldung erzählt von Reisen. Manche führen aufs Meer, manche nur ein paar Schritte vor die Haustür, manche ereignen sich auf Papier, auf Bühne und Leinwand oder virtuell.

Ich freue mich über Begleitung.

 

53° 39' 43'' N, 14° 30' 54'' E

 

 

Der Mast steht, die Segel leuchten weiß und die Selbststeueranlage hat dank polnischer Handwerkskunst die Verbindung wieder gefunden. Doch der Wind bläst mit fünf Beaufort aus Nordwesten uns entgegen.

Segeln oder doch nicht segeln, fragt sich der Kapitän. Noch schimmert es blau zwischen den Wolken, glitzert da und dort ein Sonnenstrahl, zieht uns erst der Motor, dann doch das Segel die Oder hinunter.

website blog 14Läuft doch ganz gut, denke ich, die paar Meilen über das Haff sind so ratzfatz vorbei. Und wir bekommen auch Gesellschaft — rechts ein Einhandsegler in weit kleinerem Boot, links eine größere Crew. Zu dritt geht es hinaus aufs Haff — wollen wir hinaus, doch nun hat das Gleiten ein Ende, geht es steile Wellen hoch und runter, taucht der Bug nicht mehr sanft ein, sondern schlägt krachend aufs Wasser. Der Einhandsegler steuert den nächsten Hafen an, die andere Crew verlieren wir aus dem Augen.

Der Kapitän kämpft mit dem Ruder, die Seefrau schließt aufspringende Schapps. Als Bücher, Taschen und Werkzeug durch die Gegend schießen, kehren wir um, fliegen nur mit dem Vorsegel zum nächsten Hafen.

Vom geschützten Kai in Trzebiez, am Ausbildungszentrum des polnischen Seglerverbandes, sehen die weißen Schaumkronen recht malerisch aus. Eine Grenze teilt das Stettiner Haff: Das kleine Haff ist deutsch, das große polnisch, beide sind fischreich, im nicht sehr tiefen Wasser stehen Stellnetze und Pfahlreusen, in die man besser nicht gerät. Seit die ersten Fischer hier ihre Netze trockneten, haben die Herrscher oft gewechselt, Orte, Seen, Flüsse tragen mehrere Namen. Trzebiez hieß einmal Ziegenort — nicht nach den Ziegen, sondern nach dem Fisch Zege.

Am Abend kommt Regen, kräftiger Wind schaukelt uns in den Schlaf. Am Morgen fahren wir über das Zalew Szcecinski gen Świnoujście.

53° 23' 59'' N, 14° 37' 1'' E

 

 

Das Licht über der Oder, Gold im Grün, Feenlichter im Fluss, rosarote Streifen am blassblauen Morgenhimmel. Ein Habicht kreist, ein Kranich steht still im Schilf. Sommersonnenwärme auf der Haut.

imageIn Oderburg haben wir im Herbst schon einmal Rast gemacht. Noch immer reicht die Wassertiefe am Außenplatz gerade noch für uns, kündigen Sirenentöne die Arbeit des Krans auf dem Fabrikgelände an. Hafenidyll hat immer etwas von work in progress, hat dreckige Finger und steckt in Arbeitsklamotten. Doch hier fällt die Abendsonne auch auf leckeren Zander, köstlichen Weißwein und Ost-West-Gespräche. In der schönen, aber keineswegs so blühenden Landschaft Brandenburgs sind wir auf eine Oase gestoßen, die einer ehemaligen Kaserne der DDR-Grenztruppen entspringt. Lang ist das her.

Im ersten Sommer nach Maueröffnung hat der Kapitän seine erste Jolle gesegelt, im Sommer darauf ist die Seefrau an Bord gestiegen, hat am Tag mit den Segeln und am Abend mit den Mücken am Drewensee gekämpft. Das mit den Mücken hat sich nicht geändert. Im Schatten der Dämmerung greifen sie an. Am Tag wäre ein wenig Schatten schon nicht schlecht. In Polen auf einsamer Fahrt durchs Naturschutzgebiet streift uns kühl und willkommen die Ahnung einer Meeresbrise, nur das Tuckern des Motors durchbricht die Stille, Kapitän und Seefrau schweigen beglückt.

Segelreisen sind eine wunderbare Gelegenheit im Hier und Jetzt anzukommen, den glücklichen Augenblick zu genießen, dem unweigerlich ein weniger glücklicher folgt, der aber auch vorbeigeht. Demut gegenüber Wetter- und anderen Schicksalsgöttern lernt sich nirgends so schnell wie auf einem Boot. Diesmal ist der Wackelkandidat die Selbststeuerungsanlage, die immer wieder die Verbindung verliert. Wir laufen in Stettin den nächsten Hafen mit Elektronikbetrieb an, schauen in den Himmel, der sich zuzieht, und warten auf denjenigen, der die Verbindung wieder herstellen kann.

52° 32' 2'' N, 13° 12' 59'' E

 

  

Die Gurte am Kran schwingen leicht im Wind, der Himmel ist hellgrau, das Wasser im Kanal dunkel, fast schwarz, und der blendend weiße Schiffsrumpf schwebt wie eine dicke Wolke durch die Luft. Acht Monate stand die Volver an Land, nun soll sie in ihr eigentliches Element zurückkehren.

Trommelwirbel, Atem anhalten, beten, dass keine Bö kommt.

Ein Stapellauf ist es im Grunde nicht. Weder läuft das Schiff über Bohlen ins Wasser, noch ist es der erste Kontakt mit dem nassen Element nach Fertigstellung, doch da der leuchtende Rumpf samt Kiel mühevoll neu beschichtet worden ist, und es nur noch wenig an Bord gibt, was mein Kapitän nicht ausgetauscht hat, schwebt die Volver sozusagen einem ganz neuen Leben entgegen.

website blog 11Aufregend ist es sowieso immer, obwohl Kranen für unser Schiff fast schon Alltag ist, so oft hing die Volver in den letzten Jahren in den Gurten. Zum Glück wusste ich vor zwei Jahren nicht, dass Boote bei falscher Lastverteilung tatsächlich abrutschen können— wer sich gruseln will, kann gerne nach entsprechenden Videos in einschlägigen Portalen suchen —, sonst hätte ich mich nicht auf Geheiß eines französischen Kranführers an eines der vier Gurtenden gestellt, als wir aus der Mitte des Rhein-Rhone-Kanal abgeborgen wurden. Acht mehr oder weniger starke Arme sollten die sechseinhalb Tonnen, auf denen wir standen, am Rutschen hindern. Wichtiger war wahrscheinlich der Tauchgang meines Kapitäns, begleitet von einem „Ils sont fous, ces Allemands!” des Lastwagenfahrers, den nichts und niemand an diesem nasskalten Tag in den Kanal getrieben hätte. Nun, es ist nichts gerutscht, aber die Aussicht war fantastisch, und das Schiff landete sicher auf dem Schwerlaster.

Der Kran in Berlin Spandau schwenkt langsam in die richtige Position. Die Volver sinkt sanft ins Wasser, schwimmt, der Motor springt an, die Schraube dreht sich. Es kann losgehen. Aber noch nicht mit der Reise, sondern zuerst mit dem Bunkern, denn während der Kapitän laminiert, geschliffen und gestrichen hat, hat die Seefrau gekauft, was für das leibliche und geistige Wohl vonnöten ist. Kühlschrank, Bilge und Bücherregal werden gut gefüllt, und ab Sonntagmorgen sind wir dann mal weg.

52° 32' 2'' N, 13° 12' 59'' E

 

 

website blog 10Nein, ich werde keine Wehklage über das Wetter anstimmen, denn Frau und Mann segeln ja, um sich Wind, Wellen und Wasser auszusetzen, egal in welcher Stärke und aus welcher Richtung, um jene Augenblicke zu erleben, in denen sich ein Gefühl der Einheit von Tun und Sein einstellt, ein müheloses Gleiten im Augenblick — schlicht das meist so flüchtige Glück.

Seemanns Freud‘ ist das Meer.

Für jene selbstvergessene Momente hat ein amerikanischer Professor den Begriff „Flow” geprägt, ursprünglich, um die Faszination von Risikosportarten zu erklären, doch die Merkmale passen auch zum Fahrtensegeln: Das Reizfeld ist begrenzt, erfordert aber volle Aufmerksamkeit, jede Handlung erfährt direkte Rückmeldung, und Sinn und Zweck ist einzig das Segeln selbst. Theoretisch ist also Segeln der Königsweg zum Glück.

Doch leider hat der liebe Herrgott, haben Neptun, Poseidon oder wer auch immer vor den „Flow” beim Segeln das Basteln, die schnöde Arbeit am Boot gestellt. So dient die in unseren Breitengraden zwangsläufige Winterpause, die sich auch schon mal bis weit in den Frühling hineinziehen kann, nicht allein der Regeneration und Vorfreude. Zwischen winterfest einplanen und frühjahrstüchtig herrichten warten kleinere Schönheitsreparaturen, die sich leicht zum Refit oder zur Komplettsanierung auswachsen können, denn an Überraschungen fehlt es an Land ebenso wenig wie zu Wasser.

Dabei gilt in der Regel: kleine Boote — kleine Probleme, große Boote — große Probleme. Männer nehmen diesen Umstand meist als sportliche Herausforderung, ähnlich den Stürmen auf See trotzen sie Leckagen, Osmose und Motorschäden mit konfuzianischem Gleichmut und aufgerollten Ärmeln. Der Weg ist das Ziel, eins kann man auch mit Expoxidharzen und Schleifpapier werden, die Seefrau dann mit Eimer und Wischlappen.

Mir ist dieser Gleichmut nicht gegeben. Ich suche den „Flow” lieber auf dem Meer. Zum Glück ist mein Kapitän da ganz anders. Seit Monaten werkelt er mal enthusiastisch, mal verzweifelt am Schiff, mit dem wir bald — ja, in einer Woche soll es so weit sein — drei Monate auf der Ostsee unterwegs sein werden. Jeden Abend gibt es Erfolgsnachrichten oder Hiobsbotschaften, fließend verschiebt sich der Abfahrtstermin, der Weg ... ja ja, ich weiß, aber manchmal ist der Weg doch nur ein Weg.

Meine Sehnsucht ist die Ferne.

Seite 32 von 35