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Willkommen

Positionsmeldung erzählt von Reisen. Manche führen aufs Meer, manche nur ein paar Schritte vor die Haustür, manche ereignen sich auf Papier, auf Bühne und Leinwand oder virtuell.

Ich freue mich über Begleitung.

 

56° 31' 34'' N, 20° 58' 40'' E

 

 

website blog 26Wehmütig haben Kapitän, Seefrau und ein Seemädchen das zweite Seemädchen zur Fähre nach Rügen gebracht, haben Klaipeda, die Kurische Nehrung und den Geist an der Drehbrücke verlassen. Starkwind soll die nächsten Tage aufziehen und noch ist es ein ganzes Stück bis in die geschützten Gewässer der estnischen Inseln.

Auf spiegelglattem Meer geht es nach Liepaja, das uns reichlich nüchtern am Stadtanleger vor einem großen, düsteren Hotel nahe der breiten Durchgangsstraße empfängt. Nach fünf Tagen Idylle trifft uns der Alltag des Fahrtensegelns, bei dem man nie weiß, was am Ende des nächsten Törns wartet. Das macht ja auch den Reiz des Reisens aus — jeder Tag, jeder Hafen ist anders, und manchmal ist es so schön, dass der Abschied schwer fällt und wir uns nach dem Anlegen am neuen Ort fragen, ob die Entscheidung richtig war.

Das dunkle Hotel im alten Speicher beherbergt nicht nur das Büro des Hafenmeisters, sondern neben modernen Gemälden auch ein gutes Restaurant, in dem außer uns noch eine lettische Großfamilie tafelt. Ich tippe auf Geburtstagsfeier, das Seemädchen auf Verlobung — jedenfalls stehen Sektflaschen auf dem Tisch und alle sind festlich gekleidet. Eine der Frauen setzt sich an den Flügel und spielt, zuerst Klassik, dann Pop.

website blog 27The winner takes it all …

Schon tanzen Paare zwischen den Tischen, wird die Hintergrundmusik ausgestellt, freuen wir uns am Gratiskonzert.

Da verwundern uns beim nächtlichen Spaziergang auch die blitzenden silbernen Noten im Straßenpflaster nicht, die uns den Weg durch die Stadt weisen zwischen engen Gassen mit Holzhäusern und weiten Plätzen mit großen Bäumen und Blumenbeeten. Mitten in der Altstadt steht eine große, blanke Gitarre und am Wochenende wird ein Rockfestival stattfinden — doch wir ziehen weiter gen Norden mit dem Wind.

55° 42' 19'' N,  21° 7' 36'' E

 

 

website blog 24An der Kurischen Nehrung kommt das Meer zur Ruhe, geht alles langsamer, können Gedanken zu Ende gedacht werden, ist nicht nur die Außenwelt hell und aufgeräumt. Die Zeit dehnt sich zwischen den Atemzügen.

Wir machen Pause in Klaipeda, schauen den Brautpaaren zu, die sich im Hafen in Pose stellen, sich auf dem Steg tief in die Augen sehen, sich vor Segelbooten küssen.

Wir machen Pause in Litauen, lauschen der melodischen Sprache, für die gekämpft wurde, deren Märchen und Lieder ein wichtiger Teil der nationalen Identität Litauens sind, für die Bücher heimlich gedruckt und geschmuggelt wurden. Vierzig Jahre lang war im 19.Jahrhundert der Druck litauischer Schriften in lateinischen Buchstaben verboten, gab es offiziell nur Bücher in kyrillischer Schrift. Seit der Unabhängigkeit wird der 7. Mai als Tag des Buchs gefeiert. Eine junge Nation ist Litauen — im Aufbruch, suchend und findend.

Wir machen Pause in der restaurierten Altstadt mit mittelalterlichem Kopfsteinpflaster, am Hafen mit den neuen Stegen um die alte Festung, an der alten Drehbrücke mit den neuen Bronzefiguren, am Restaurant an der Däne, wo man zu Cocktails und Mutters Vorspeisen Techno-Beats vom DJ hört.

Und wir machen Pause in Nida zwischen den Bilderbuchhäusern mit Märchengärten, zwischen Ostsee und Haff, zwischen Kiefernwäldern und Dünen, sitzen auf einer Bank am Ufer — der Blick geht weit hinaus aufs Wasser, wie silbrige Seide kräuseln sich die Wellen.

Wir machen Pause.

55° 8' 0'' N, 19° 38' 0'' E

 

 

Will man mit dem Boot von Polen nach Litauen, ist unter 110 Seemeilen nichts zu machen, so weit liegen die Häfen auf kürzestem Weg auseinander, wenn man einen Abstecher in die russische Föderation nach Kaliningrad vermeiden will. Das wollen wir, und wir wollen nach drei Wochen an der polnischen Ostseeküste, in schönen, aber unruhigen Häfen, und nach einem Zwangsaufenthalt auf der Werft endlich den Sprung ins Baltikum wagen.

Ein Fahrtenschiff segelt etwa fünf bis fünfeinhalb Knoten im Durchschnitt (mal ist der Wind stärker, mal schwächer, mal segelt man auf schnellem Kurs, mal langsamer), braucht also für diese Entfernung zwanzig bis vierundzwanzig Stunden. Die liegen vor uns — entweder mit Wind und mit Segeln oder ohne Wind und mit Motor.
Wir entscheiden uns für den Wind und starten mittags in Hel.

Eine Seefahrt, die ist lustig …

website blog 23Schnell ist sie vor allem und sehr schräg — ein starker Wind auf schnellem Kurs. Prima, so sind wir schön schnell da, denken wir. Prima, doch ein bisschen weniger könnte es zum Abend hin schon werden, denken wir nach sechs Stunden. Prima, doch jetzt reffen wir lieber, denken wir nach acht Stunden. Die Seemädchen kauen eifrig Spezialkaugummi gegen Reiseübelkeit, Wasser spritzt über das Deck und der Kapitän beobachtet konzentriert den Kurs, denn wir müssen und wollen dem russischen Hoheitsgebiet fernbleiben. Das Meer ist wie leergefegt, nur in der Ferne Patrouillenboote, später ein Frachter und eine Fähre. Wellen heben uns meterhoch, das Abendessen wird zum Abenteuer, vor allem für den Magen der Seefrau, die auf schwankenden Brettern den Nudeltopf festhält, während sich der Inhalt der Espressokanne auf dem Boden ergießt.

Rasch sinkt die Sonne ins Meer, wird der kühle Wind kalt, aber nicht schwächer, leuchtet ein Stern nach dem anderen auf über dem kleinen Schiff mit dem rot-weiß-grünen Licht im Mast. Allein für diesen Sternenhimmel lohnt sich die Fahrt, lohnen sich Schlafentzug, Übelkeit und ein Hintern, auf dem man kaum noch sitzen kann. Und ohne diesen Sternenhimmel kämen wir uns mächtig allein auf dem Meer vor. Irgendwie verkeilt im Boot suchen die Frauen den Schlaf, während der Kapitän in drei Lagen Fleece plus atmungsaktivem Ölzeug wacht, bis in der Morgendämmerung am Horizont die Hafeneinfahrt von Klaipeda auftaucht. Rekordverdächtig früh legen wir erschöpft an und schleppen uns den restlichen Tag durch verschiedenste Wachzustände.

54° 21' 15'' N, 18° 39' 56'' E

 

 

website blog 22Am Rand der Danziger Bucht, am Rand des Tiefs, am Rande des Nervenzusammenbruchs.

Das Schiff schwimmt wieder, neue Batterien sorgen für Strom und die alte, zweiflügelige Schraube treibt uns sicher, wenn auch langsam voran ... ins Gewitter über Danzig, in den vollen Stadthafen, zu einer langen Schramme im Gelcoat und einem geklauten Portemonnaie. Definitiv nicht unser Tag heute.

It's just another manic Monday ...

Blitze zucken über Masten und Ruinen, Donner reißt uns aus dem Schlaf, dicke Tropfen trommeln aufs Boot. Der gekaufte Engel fidelt traurig auf seiner Geige.

Nun heißt es: das Tief abwettern, Kräfte im Schlaf sammeln, die gute Laune wiederfinden, möglichst entspannt dem Hier und Jetzt begegnen, selbst wenn es sich nicht gerade in bester Form zeigt. Erstmal die Superduschen nutzen, die Kombüse auffüllen und frühstücken. Abwarten und Tee trinken oder Cappuccino. Drei Mal tief durchatmen und schauen, was uns heute begegnet.

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