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Willkommen

Positionsmeldung erzählt von Reisen. Manche führen aufs Meer, manche nur ein paar Schritte vor die Haustür, manche ereignen sich auf Papier, auf Bühne und Leinwand oder virtuell.

Ich freue mich über Begleitung.

 

59° 24' 8'' N, 24° 12' 14'' E

 

 

website blog 38Der Wind hat den Vormittagsregen vertrieben, lichtblau wölbt sich der Himmel über Bucht und Kiefernwald bei Lohusalu. Ein Wrack rostet zwischen Steinen, die nur ein Riese vor Urzeiten ins Wasser geworfen haben kann. Am Horizont zwei Segler. Heute wird der Hafenmeister wohl noch mehr Gastflaggen hissen — bei höchstens einem Boot pro Land im Hafen wehen die Fahnen ganz individuell für jedes Schiff.

Um Flaggen kommt man beim Segeln nicht herum. Pflicht sind die Heimatfahne, am Heck und die Gastlandsflagge am Mast steuerbords. An Backbord flattern Vereinswimpel und hie und da kreuzen auch Piratenflaggen auf der Ostsee. In den skandinavischen Ländern weht die Nationale am Heck häufig so groß, dass die untere Spitze bis ins Wasser reicht, und bei Sonnenuntergang wird eingerollt und eingeholt. Ein Brauch der Marine, der aus Zeiten stammt, in denen man teures Tuch schonen musste.

Iwebsite blog 37ch habe ein eher ambivalentes Verhältnis zur Nationalflagge, selbst auf Drängen der Kinder klemmte im Fußballsommer kein Fähnchen am Auto. Lange Zeit lebten wir gut mit einer schon recht verblichenen Flagge des Vorbesitzers am Heck der Volver. Irgendwann waren die Farben kaum noch zu unterscheiden, und der Kapitän erstand eine neue, recht kleine Fahne, die dann fröhlich am Achterwand flatterte, bis der Wind die Ecken zerschliss. Nun sind wir bei eine mittleren Größe angelangt, die Patrouillenboote und Zoll auch auf einige Entfernung erkennen.

Und als der Hafenmeister in Lohusalu, kurz nachdem wir angelegt haben, noch einmal herauskommt und die deutsche Flagge hochzieht, freuen wir uns über die nette Geste ebenso wie über das “Welcome", die freundliche Begrüßung nach einem langen Segeltag, den wir zu dritt verbracht haben, denn im letzten Hafen ist ein weiterer Seemann an Bord gestiegen, um sich vom Märchenland bezaubern zu lassen.

58° 57' 31'' N, 23° 31' 37'' E

 

 

website blog 33Allein auf dem Meer, freie Auswahl im Hafen. In Estland ist die Saison Mitte August vorbei, wenn in Schweden und Finnland die Schulferien enden. Mit 1,3 Mio. Einwohnern lassen sich die Häfen nicht füllen, auch nicht mit den wenigen deutschen Booten, die jetzt noch unterwegs sind.

Dick eingepackt segeln wir bei Sonne und kaltem Wind in der Einsamkeit, die nur ein Patrouillenboot der estnischen Grenzkontrolle durchbricht, um nach last port, next port und persons on bord zu fragen und gute Weiterfahrt zu wünschen.

In Lõunaranna begrüßt uns der Hafenmeister am Steg und schenkt Bier aus. Bad und Toilette teilen wir uns nur mit einer Gruppe von lettischen Anglern, die hier campen. Schaukeln schwingen verlassen im Wind, Holzbänke leuchten frisch geputzt, Gras glitzert feucht vom letzten Regen, am Strand stehen noch Steintürme abgereister Kinder und am Horizont taucht ein Regenbogen auf.

website blog 36Wenn man nicht unbedingt Badewetter braucht, gegen Regengüsse und kältere Temperaturen gewappnet ist — was allerdings auch im Juli auf der Ostsee von Vorteil sein kann —, hat die Nachsaison hier oben im Norden durchaus ihre Vorteile. Kapitän und Seefrau können morgens ausschlafen, weil wir nicht spätestens um vier im nächsten Hafen sein müssen, um noch einen Liegeplatz zu bekommen. Jeden Tag beobachten wir mindestens drei interessante Wetterphänomene, reffen Segel, holen sie mehrmals rein und wieder raus, und am Abend warten als Belohnung die Stille und das wunderbare Licht der tief stehenden Sonne auf uns.

Auch in den drei Jachthäfen in Haapsalu sind die Gaststege leer bis auf die Möwen, und auf unserer Reling lassen sich Schwalben nieder. An der verlassenen Theke des Hafens findet sich eine nicht völlig falsche Beschreibung unseres Tagewerks auf estnisch und in der englischen Übersetzung. Purjetamine klingt genau so wie das, was wir erleben.

58° 14' 41'' N, 22° 28' 24'' E

 

 

website blog 31Turmhohe, dunkle Wolkenberge über der Rigaer Bucht, Blitze zucken in indigoblauer Ferne — als Naturschauspiel beeindruckend, aber auch beängstigend auf einem Boot, dessen Mast im weiten Umkreis die höchste Erhebung ist. Noch scheint die Sonne, doch die erst Bö zerrt schon am Groß.

Also Segel runter, umdrehen und unter Motor gegen die Wellen in den nächsten Hafen. Über Mõntu sind schon viele Stürme hinweggefegt, ein Schwimmsteg verrottet zerbrochen im Wasser, der andere liegt in Einzelteilen an Land, doch wir finden einen Platz an der blanken Kaimauer und lassen Regenfront nach Regenfront über uns hinwegziehen. Die Halbinsel Sõrve wirkt verlassen, neben dem Hafengebäude erinnert ein Gedenkstein an die Opfer unter der estnischen Bevölkerung bei den heftigen Gefechten zwischen deutschen und russischen Truppen im Zweiten Weltkrieg. Vierzehn Dörfer gibt es nun nicht mehr.

Am Morgen nutzen wir ein ruhigeres Wetterfenster, um in den nächsten, geschützteren Hafen zu gelangen. Wieder begleiten uns schwarze Wolken, steuert der Kapitän unter Seitenwind im engen Fahrwasser den Hafen an, müssen vier Mann das Boot an den Steg ziehen, während die Seefrau versucht, nicht in Panik zu verfallen im Chaos aus Wind, Leinen und Heckbojen. Im Kuressaare Sadam warten mit uns noch zwei andere Segler auf das Abflauen der starken Westwinde, ansonsten ist der Hafen der größten Stadt Sareemaas beinahe leer trotz Superservice.

Zu Fuß gelangen wir ins Städtchen durch den Kurpark, vorbei an Holzhäusern, die mich an Puppenstuben erinnern und zwischen denen der Wind nicht mehr so pfeift. Soll er doch draußen toben, wir bleiben hier bei Wildschweinburgern und gefüllten Eierkuchen. Abwettern, abwarten und Wein trinken.

56° 53' 24'' N, 21° 9' 6'' E

 

 

website blog 28Das Meer wäscht uns rund, Wind fegt den Kopf frei — Samtsand unter den Füßen.

Etwa in der Mitte der 500 km langen Ostseeküste Lettlands liegt der kleine Ort Pavilosta mit zwei Cafés. einem Supermarkt, einem Museum und zwei kleinen Hafenanlagen. Im Sommer gesellen sich zu den etwa 1000 Einwohnern Gäste in Ferienhäusern, Zelten und Wohnmobilen, sowie von Zeit zu Zeit auch eine Schiffscrew, die Ruhe sucht und an den langen Sandstränden findet.

Geheimtipp unter Seglern zu sein, ist sowohl Segen als auch Fluch der örtlichen Wirtschaft. Neben dem Tourismus setzt man deshalb auf Holzbootsbau und Fischkonserven. Doch wen es wie uns hierher verschlägt, der bleibt gerne ein paar Tage am schönsten der drei lettischen Häfen an der offenen See. Alles Nötige erhalten wir beim freundlichen, hilfsbereiten Hafenmeister, der als Kind deutsches Fernsehen geschaut hat, sehr gut deutsch spricht und sogar unser Seemädchen in die nächste Stadt zum Bus nach Riga fährt, denn auch sie verlässt uns hier. Im Regen, wie es sich für einen Abschied gehört.

Mehr als vier Wochen sind wir nun unterwegs, ein gutes Drittel unserer Reisezeit. In einem normalen Sommer wären wir schon auf dem Rückweg, dieser Sommer ist weit wie das Meer, und das Ziel besteht längst nicht mehr aus den einzelnen Etappen, ist nicht in Seemeilen zu messen, sondern in Augenblicken, Welle für Welle.

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