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Willkommen

Positionsmeldung erzählt von Reisen. Manche führen aufs Meer, manche nur ein paar Schritte vor die Haustür, manche ereignen sich auf Papier, auf Bühne und Leinwand oder virtuell.

Ich freue mich über Begleitung.

 

52° 27' 34'' N, 13° 18' 34'' E

 

 

website blog 68Im Hintergrund das sanfte Brummen der Großstadt, im Garten hängen Äpfel am Baum, färbt sich die Buche. Herbst liegt in der Luft.

Vertraut und doch fremd. Rechnungen bezahlen, Steuerbelege sortieren, Post beantworten. Viel zu schnell der Verkehr, viel zu früh der Tag vorbei, viel zu furchtbar die Nachrichten.

Home is where … ?

Welch Privileg, ein Heim zu haben, in das man zurückkehren kann. Weltweit sind über 40 Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg, Verfolgung und Hunger. Die meisten finden in Entwicklungsländern Asyl, die Hälfte lebt in Ländern mit einem Pro-Kopf-Einkommen unter 5000 US-Dollar. Viele wollen nach Europa in ein besseres Leben fliehen und fahren in den Tod — so selbstverständlich Europa die Globalisierung für ungebremstes Wachstum nutzt, so streng werden die Außengrenzen abgeschottet.

Auch nach den vielen Toten vor Lampedusa soll sich daran nichts ändern. Geld gibt es für Grenzsicherungsmaßnahmen, für Frontex, für schnelle Boote und mehr Personal auf afrikanischer Seite. Der Strom der Flüchtlinge wird damit nicht eingedämmt, nur die Risiken für die verzweifelten Menschen werden größer: Die Zahl der Toten steigt, die Überlebenden fristen ein Leben unter menschenunwürdigen Bedingungen in überfüllten Flüchtlingslagern oder in der Illegalität, werden abgefangen oder abgeschoben ins Ungewisse.

Und ein deutscher Innenminister schürt die Angst, rückt den Rechtsstaat in die rechte Ecke. 

Und wie fast alle anderen europäischen Staaten hat Deutschland die UN-Konvention zum Schutz der Rechte von Migranten weder unterzeichnet noch ratifiziert.

Und es gibt immer noch kein vernünftiges Einwanderungsgesetz. 

Vor ein paar Jahren nahm ich Teil am langen Kampf einer iranischen Frau teil — am Kampf um ein freies, sicheres Zuhause, um die Möglichkeit, den Lebensunterhalt zu verdienen, um ein Leben ohne Angst. Sie hat es geschafft, lebt und arbeitet legal in unserem Land. Sollten die deutschen Pläne umgesetzt werden, hätten Menschen wie sie keine Chance mehr.

Unser Grundgesetz erklärt die Menschenwürde für unantastbar, ohne Ausnahme, ohne Einschränkung. Alle Menschen sind gleich. Was ist daran so schwer zu verstehen?

53° 44' 25'' N, 14° 2' 54'' E

 

 

Noch einmal das Haff — nebelgrau, windig und kalt. Flach ist das Wasser, gefährlich schnell geraten Boote in Schieflage, dumpf dröhnend läuft ein Rettungskreuzer aus.

Hinter der Uekermündung wird es still. Grün das Ufer, neu die Befestigungen, in hellen Farben herausgeputzt die Häuser. Am Pier 24 legen wir an, machen fest, ziehen das Segel straff, schließen den Reißverschluss der Baumpersenning und stellen die Kuchenbude auf.

website blog 65Unsere Reise geht zu Ende. Volver wird hier überwintern, in der Grenzregion, wo sich Polen am örtlichen Tierpark beteiligt, Radwege zu beiden Seiten der Grenze mit öffentlichen Mitteln beider Staaten finanziert werden. Näher kann man es als Berliner nicht zum Meer haben. Vier Segelvereine gibt es, drei Werften und einen großen kommerziellen Hafen. Ein freundlicher, ruhiger Ort, genau das Richtige, um sich wieder an das etwas schnellere Tempo des Lebens an Land zu gewöhnen.

Tagsüber ist es belebter, geht im Café schon mal der Kuchen aus, doch am Abend setzt sich das Motto unserer Fahrt erneut durch, sitzen wir zwischen leeren Stühlen, spielen sie den Film nur für uns im Stadtkino, das am 3. Oktober in neuem Glanz erstrahlen soll.

Die Haffzeitung bringt einen großen Artikel über die Rettung zweier Segler von ihrer gekenterten Jolle und einen kleineren über die Orte der Region, in denen die NPD zehn Prozent bei den Bundestagswahlen erreicht hat.

In der bundesdeutschen Wirklichkeit blühen Landschaften und Wirtschaft an verschiedenen Orten, siegt auf dem Wahlzettel die Krise.

Ich möchte am liebsten weg sein und bleibe am liebsten hier …

53° 54' 49'' N, 14° 16' 29'' E

 

 

Mit dem Wind von Ost nach Nord nach West nach Süd, einen wunderbaren Sommer lang, an sieben Küsten gelandet, sieben Flaggenwechsel auf dem Meer.

website blog 62In den letzten Tagen des Törns nach Süden treffen wir auf bekannte Häfen (in unbekannter Leere), auf andere Heimkehrer (mit demselben Ostsee-Enthusiasmus), verabschieden uns von der Ruhe und segeln jeden Tag ein Stück nach Hause. Jeden Morgen wartet der Wetterbericht mit Veränderungen auf, spielt der Kapitän neue Varianten der Route durch, geht es dennoch weiter. Jeden Abend schrumpfen die Vorräte ein Stück mehr, wecken kulinarische Mitbringsel Erinnerungen, wird es früher dunkel und sinken wir schneller in tiefen Schlaf.

So bleibt auch für Bornholm diesmal nur ein Nachmittag und eine Nacht, die durch die Begegnung mit dem Eigner einer anderen Etap zum regen Austausch über Freud und Leid beim Gebrauchtbootkauf genutzt werden. Die Unsinkbarkeit der Etap hat nämlich auch eine Kehrseite: In der aufgeschäumten Doppelschale hält sich jeder Tropfen Feuchtigkeit, der einmal eingesickert ist, wie in einem Schwamm.

website blog 63Doch inzwischen ist die Volver dicht — von unten eine Grundvorraussetzung für Schiffe und von oben auch nicht unwichtig bei den Schauern, die nun doch häufiger auftreten —, und die letzten 77 Tage — gut die Hälfte davon unter Segeln — haben zwar weniger Material für dramatische Geschichten abgegeben, Seefrau und Kapitän aber mit dem Kauf halbwegs ausgesöhnt, manchmal sogar vollkommen begeistert.

Bei der letzten großen Überfahrt bieten Wind, Wellen und die Volver noch einmal alles auf, segeln wir beinahe zwölf Stunden lang unter Vollzeug in Rumpfgeschwindigkeit bis zur Mündung der Swine, dem Ausgangspunkt unserer Seereise. Nur der wolkenverhangene Mond ist Zeuge, als wir im Dunkeln im polnischen Hafen einlaufen.

56° 5' 36'' N, 15° 51' 42'' E

 

 

Ganz egal, wie lange man Zeit hat, ganz egal, ob ein Termin oder das Wetter einem im Nacken sitzten, irgendwann segelt man doch zurück, muss lange Schläge machen, dann sind Kapitän und Seefrau nicht immer einer Meinung.

Die Seefrau ist für kürzere Etappen, die dann auch bei nicht ganz so idealem Wind noch zu segeln sind — muss aber zugeben, dass es von Vorteil sein kann, wenn man bei schlechtem Wetter in einer größeren Stadt festliegt. Der Kapitän ist dafür, Strecke zu machen, wann immer es möglich ist — unter Motor, mit Segeln oder sogar mit beidem — kann es aber auch genießen, das Ganze mit mehr Ruhe anzugehen.

website blog 60Wie dem auch sei und wofür letztlich die Entscheidung fällt, die leider immer kürzeren Tage werden auf dem Wasser verbracht, an schöner Landschaft, an Bullerbü-Orten wird vorbeigesegelt oder -getuckert. Zum Glück ist es nicht unser erster Besuch am Kalmarsund, und nach zehn Wochen voller neuer Eindrücke sind die Augen ein wenig müde und können den Anblick von Meer, das am Horizont im nur wenig helleren Himmel verschwindet, gut gebrauchen — selbst wenn über Stunden höchstens mal ein Robbenkopf auftaucht.

Natürlich muss auch ab und zu der Kurs überprüft, muss nach Booten und Bojen Ausschau gehalten werden, doch meist gleitet der Blick ziellos ins Weite, wobei der meditative Flow sich eher beim Segeln einstellt. Keine Ahnung, ob es an den anderen Schiffsbewegungen oder der Geräuschkulisse liegt, bei Motorfahrten kommt nach mehreren Stunden eher ein kindliches „Wann sind wir endlich da?” zum Vorschein.

Am Abend erreichen wir Sandhamn, einen kleinen Fischerhafen, dessen Besuch sich laut unserem Hafenführer nicht lohnt, der uns aber mit wundervollem Licht empfängt. Hinter einem Boot mit österreichischer Flagge legen wir an, essen mit einem alleinsegelnden Cellisten und treffen am Morgen einen besonders netten und freundlichen Hafenmeister.

Auf zur nächsten Strecke ... 

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