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Geschrieben von Nora Lachmann

1° 30’ 18’’ S, 27° 6’ 52’’ W

 

 

website blog 283Der erste Morgen auf der Südhalbkugel. Um 0:45 haben wir den Äquator überquert, zwischen Wolken zeigt sich ein blasser Vollmond und in der Messe schenkt Fred Apfelbrandy und Toblerone aus, das Original in groß und golden, Vollmilch mit Karamellstückchen. Seit zwei Tagen warten wir auf diesen Moment. Es gibt ja sonst nicht viel zu tun als Passagier auf so einer Überfahrt. Ein frühes Frühstück, dann schauen aufs Meer, die Weite, die jeden Tag neu verblüfft, fliehen vor der Hitze in die klimatisierte Kabine, lesen, ein sehr frühes Mittagessen, sich dem Wind an Deck entgegenstemmen oder lesen oder schlafen oder nach Tieren Ausschau halten (jede Menge kleine fliegende Fische, ein Wal, eine Schildkröte, ein Rochen), zu Abend essen, die Farben des Sonnenuntergangs bestaunen, das weite Meer, lesen.

Nun haben wir also den Äquator überquert und es regnet, nicht viel, aber öfter am Tag. Eine richtige Taufe bleibt aus, aber am nächsten Abend gibt es eine richtige Torte. Als Zuckerbäcker ist der Koch eine Wucht.

Für die Mannschaft sind die 8 Seetage vor allem Reparaturtage. Der Kapitän schaut in jeden Winkel und lässt Farbe und Rost entfernen, neue Farbe aufbringen, schweißen, gängig machen, putzen. Da das Schiff nirgends lange liegt, wird bei laufendem Betrieb überholt. So ist immer etwas zu tun und der Kapitän kontrolliert sogar die beiden großen Rettungsboote.

website blog 282Am Nachmittag schrillt die Sirene: Rettungsübung. Mit Schwimmweste, Helm (beides angelegt) und Überlebensanzug (im Sack) versammeln wir uns an der Muster Station vor dem großen blauen Schornstein an Deck. Zum ersten Mal sehen wir die Mannschaft komplett (ausgenommen dem Mann am Steuer natürlich). Der Maat ruft alle namentlich auf, und da kommen auch schon die letzten die Treppen hoch. Wir Passagiere werden nur durchgezählt und dürfen auch gleich wieder in die Messe verschwinden und dort mit dem Steward Giro warten, während die Mannschaft übt, ein Feuer zu löschen und einen Verletzten zu bergen. Ein zweiter Alarm ruft uns wieder an Deck. Erneut wird die Anwesenheit kontrolliert und dann werden alle auf die Rettungsboote verteilt. Hinein geht es nicht — ein Blick reicht, um zu wissen, dass man diesen Notfall nicht erleben möchte. Es ist eng, dunkel und schaukelt sicher gehörig. Überhaupt ist es gut, dass es nur eine Übung ist, denn offensichtlich ist es für einen großen Teil der Mannschaft auch das erste Mal, die Positionen und Aufgaben sind nicht so recht klar und müssen mehrmals geübt werden. Es wird viel gelacht. Passagiere sind dabei nur Statisten, die in Schwimmwesten und Helmen schwitzen.

Dann ist die Übung plötzlich vorbei und der Atlantik liegt ruhig da wie schon die ganze Zeit. Ein paar Vögel lassen sich vom Wind knapp über dem Wasser treiben und das Schiff macht weiter Fahrt in Richtung brasilianische Küste.