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Geschrieben von Nora Lachmann

53° 31.58’ N, 10° 0.65’ E

 

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Wir sind zu spät. Um 10 Uhr sollten wir am Kai sein, aber es ist schon halb elf. Dabei war alles so gut geplant, musste es ja auch für die lange Reise auf dem Frachter nach Südamerika. Alles ist gepackt und gut verstaut im Wohnmobil, aber dann hängt es an den Gasflaschen. Die sind noch voll, zu voll, und es dauert ewig, sie zu entleeren, unter den ungläubigen Blicken der anderen Camper im Hamburger Wohnmobilhafen, die ja nicht wissen können, dass wir unser Wohnmobil heute verladen wollen, wozu die Gasflaschen leer sein müssen.

Wir sind also zu spät und stehen dazu noch im Stau und hoffen, dass das Navi schon den Weg findet zum O’swaldkai durch die neue Hamburger Hafencity. Mit rasendem Puls biegen wir endlich ein auf den großen Parkplatz, suchen hektisch nach dem Schuppen 48, folgen einem Schild und werden von einer Schranke aufgehalten. Sofort senkt sich auch hinter uns eine Schranke. Wir sind gefangen. Zur Belustigung der Belegschaft. Immer diese Touristen. Wir müssen wieder raus, uns anmelden, warten, doch dann geht alles seinen ordentlichen Gang: Gemeinsam mit einem anderen deutschen Paar in einem Wohnmobil folgen wir um kurz nach elf einem Fahrzeug zur Grande Nigeria, auf der wir die nächsten vier Wochen verbringen werden. Eine steile Rampe führt ins Innere des riesigen Schiffs, und dann geht es ans Einparken. Zentimeterarbeit, bis das Fahrzeug genau an der richtigen Stelle zwischen den Verzurrösen steht. Weder die Gasflaschen noch der Tank noch überhaupt irgendetwas am Camper ist kontrolliert worden.

Ein Offizier nimmt Pässe, Ticket und Impfbescheinigungen an sich und dann geht es mit Taschen und Rucksäcken in den Fahrstuhl, der uns vom 6. hoch ins 12. Deck bringt. Dort liegen die Kabinen von Mannschaft und Passagieren, Küche, Speisesaal, Aufenthaltsraum, ein Raum mit Sportgeräten, einer mit der Waschmaschine, also quasi alles, was unser Leben in den nächsten vier Wochen betrifft. Unsere Kabine glänzt in ergrautem Weiß und Teakfurnier und ist so in Schuss, wie man sich das vorstellt bei einem Schiff, das seit zwanzig Jahren ohne Pause zwischen Hamburg und Südamerika hin und her fährt. Den Klimalüfter an der Decke zieren mehrere Lagen Paketband, doch das Fenster kriegen wir schließlich auf und lassen Luft und Sonne hinein.

Der Himmel über Hamburg strahlt zum Abschied in klarstem Blau. Tief unter uns wird der Frachter beladen, Stunde um Stunde. Es gibt Mittagessen für uns und die anderen acht Passagiere: das schon erwähnte deutsche Paar, ein französisches Ehepaar, das diese Reise schon zum zehnten Mal macht, eine Brasilianerin und ihr Schweizer Mann, sowie zwei alleinreisende Männer aus der Schweiz und aus England, die schon in Rio von Bord wollen. Wir räumen ein, holen noch dies und das aus dem Wagen. Es gibt Abendessen. Wir lesen, schlafen darüber ein. Die Aufregung der vergangenen Wochen legt sich. Was dabei ist, ist dabei, was vergessen ist, ist vergessen.

Um halb zwei legt die Grande Nigeria ab. Alle Landverbindungen reißen, auch das Internet.