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Geschrieben von Nora Lachmann

57° 45,8’ N,16° 39,0’ E

 

 

website blog 266Wir sollten uns genügend Zeit für den Rückweg lassen, meint mein Kapitän. Und als hätten die Wettergötter es gehört, bläst es von dem Moment an stets und noch dazu heftig aus Süd bis Südwest. Hafentag reiht sich an Hafentag, Dafür lernen wir die Nachbarn gut kennen — gemeinsam helfen wir anderen Schiffen beim Anlegen, vertäuen auch die eigenen Boote noch einmal sicher vor dem kommenden Starkwind und rücken am Abend den gebunkerten Vorräten zu Leibe.

Wellen und Wind tosen um Idö und wir spinnen Seemannsgarn. Bald sind die Ferien in Schweden zu Ende; es ist richtig Platz in den Häfen. Ein paar dänische Schiffe sind noch unterwegs und viele deutsche, die man auch ohne Nationalflagge am Heck sofort daran erkennen würde, dass beim Anlegen an Bug und Heck Leinen bereit liegen und jede Menge Fender an den Seiten hängen. Andere Nationen sind da offensichtlich entspannter, wohingegen Schweden und Dänen stets Schwimmwesten tragen, was wiederum Deutsche eher nachlässig handhaben.

Beim Anlegen helfen alle. Weil jeder weiß, wie hilfreich es ist, wenn jemand an Land eine Leine entgegennimmt, weil das Schiff dann nicht mehr in Fahrt und damit schlecht zu manövrieren ist, weil sich die Schwierigkeiten mit steigendem Wind um ein Vielfaches verstärken.

website blog 267Und über das Anlegen kommt man ins Gespräch, ein „danke”, ein „gern geschehen”, dem Gespräche über das Wetter — meist das kommende — und die Orte — meist die vergangenen — folgen. Manchmal folgt dann eine Einladung aufs Schiff und ganz selten (eigentlich haben wir das bisher nur einmal erlebt) lädt man sich zum Essen ein. Dazu muss man mehrere Tage gemeinsam in einem Hafen verbracht haben — in unserem Fall waren es sogar zwei Häfen hintereinander — und über andere Themen als die Seefahrt reden können. Das gelingt mit dem Paar aus Hamburg und dann wird es interessant, weil wir so erfahren, wie andere leben, reisen, die Welt sehen.

Ähnlich ist es auch mit einem nach Schweden ausgewanderten Ukrainer, den wir vor zwei Jahren in einem Hafen getroffen haben und jedes Jahr irgendwann einmal im Kalmarsund zu einem Abend an Bord verabreden. Ihn interessiert unser Leben, uns interessiert sein ganz anderes Leben, seine vielen Leben, wie er sie nennt — in der Ukraine, auf einem kleinen Boot um die Welt, in der Musikwelt und jetzt in Schweden, wo ihn oft Freunde besuchen und mit ihm segeln. Auf so einer Tour treffen wir ihn in diesem Jahr zufällig zum zweiten Mal und lernen gleich die Freunde aus Odessa kennen. Ein gutes, das beste Ende für einen Tag, an dem wir eigentlich ankern wollten, Wind und Wellen uns aber in den Hafen zurücktrieben. 

„Man muss den Wind nehmen, wie er kommt”, sagt mein Kapitän und lauscht dem Regen, der auf die Scheiben prasselt.