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Geschrieben von Nora Lachmann

57° 22,2’ N, 16° 33,3’ E

 

 

website blog 259„Genau das richtige Wetter für den Gennaker ”, sagt mein Kapitän, als wir unter der Brücke bei Kalmar hindurchfahren. Leichter Wind von schräg hinten. Da kämen wir mit der Normalbesegelung kaum voran. Also wird der Gennaker ausgepackt, ein dünnes, aber großes Segel, das zum Setzen in einem Schlauch verpackt ist. Ist das Segel oben, wird der Schlauch mit einer Hilfsleine hochgezogen und das Segel bläht sich. Es knistert, als hielte man Papiertüten in den Wind. Nun geht es schnell über den Kalmarsund.

„Klappt ja prima”, sage ich. Unter einem makellos blauen Himmel ziehen wir den anderen Schiffen davon. Das schöne Wetter bleibt, so lautet die Vorhersage, die auch eine Hitzewarnung beinhaltet. 30 Grad ist ungewöhnlich für Schweden, beschert uns Wassersportlern fast karibische Verhältnisse. Das ist schön, einerseits, doch die Zeitungen berichten von brennenden Wäldern und Landwirten am Rande des Ruins. In ein paar Tagen sollen die erwarteten Gewitter endlich kommen, noch liegt vor uns nur die tiefblaue See.

Und wie immer, wenn es gerade so gut läuft, schleicht sich Unachtsamkeit ein. Dabei weiß ich genau, dass bei Manövern immer Handschuhe und Schuhe getragen werden sollten, ganz egal wie wenig Wind weht. Aber ich soll ja nur steuern, während mein Kapitän den Gennaker auf die andere Seite zieht.

„Kein Problem, ist ja kaum Wind”, sagt er, läuft nach vorn; das Segel fällt ein, ich löse die Schot. In dem Moment wird der Wind stärker, erfasst das Segel.

Hilf mir mal”, sagt mein Kapitän, dem die Arme lang werden. Kurz bevor ich die Schot auf der anderen Seite festmachen kann, knallt es, die Leine schnellt nach oben, reißt mich um und schleift mich über das halbe Schiff. In die Schot gewickelt liege ich an der Reling, das Segel knattert und zerrt. Irgendwie schaffen wir es dann doch noch, die Leine zu belegen, ohne mich zu erwürgen oder die Reling abzureißen. Das Segel steht, das Schiff fährt weiter auf neuem Kurs. 

Meine linke Hand brennt, als hätte ich in glühende Kohlen gefasst. Nichts gebrochen, aber die ersten Brandblasen zeigen sich schon und ein Stück Haut fehlt. Jede Menge Jod, Pflaster und eine kalte Flasche Rhabarbersaft als Kühlung. „Warum hast du nicht losgelassen?”, fragt mein Kapitän. Den Rest des Tages ist er Alleinsegler, holt vor der nächsten Richtungsänderung den Gennaker ein und findet am Abend eine wunderschöne Ankerbucht an der Insel Ekö. Herrlich ruhig ist es in den Schären. Mein Kapitän kocht. Das Schiff schaukelt sanft am Anker.website blog 260