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Geschrieben von Nora Lachmann

55° 19' 38'' N, 26° 5' 42'' E

 

 

website blog 247In Kaunas wird geheiratet. Die ganze Stadt ist ein einziges Hochzeitsfest. Bräute in weiß, kurz oder lang, mit und ohne Schleier, mit Blütenkränzen im Haar. Hochzeitsgesellschaften, die mit Bussen anreisen. Brautjungfern in violett, in kornblumenblau. Fotografen, die mit den Brautpaaren die besten Plätze suchen — am Fluss, auf einer Brücke, vor einer der vielen Kirchen.

 In Kaunas müssen wir uns entscheiden: zum Strand an die kurische Nehrung oder zum kleinen Aukstaitija-Nationalpark ganz im Nordosten? Die Küste kennen wir und wenn man schon mal hier ist und mobil unterwegs. Also ins Seengebiet inmitten von Wäldern, einsam und wunderschön, nur eigenartig, dass in allen drei Campingführern nur ein einziger Stellplatz für Wohnmobile angegeben ist. 

Felder, durch die der Wind streicht. Wälder, an deren Straßen Pfifferlinge und Blaubeeren feilgeboten werden. Der furchtlose Mann ist entzückt und gleich darauf enttäuscht, weil die zaghafte Frau zu wenig einkauft. Kilometer und Stunden ziehen sich unter Schweigen im Wagen, bis am Ende eines Dorfes auf einem kleinen Tisch wieder Pfifferlinge und sogar ein Topf Honig stehen.

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Nach Beendigung der Pfifferling-Krise fehlt also nur noch der Platz für die Nacht. Das Navi führt uns nach Paluse zu einem Parkplatz, direkt an der Straße, ganz und gar nicht so idyllisch wie ausgemalt. Der Campingplatz gleich dahinter ist noch nüchterner. Dort steht niemand und auch die nächsten Ankömmlinge drehen wieder ab.

„Es muss doch was am See geben”, sagt der furchtlose Mann, steigt aus dem Wagen und stiefelt los. Und siehe da, wo die Boote ins Wasser gelassen werden, ist unter den Bäumen ein Platz mit Blick auf den Lusiai. Es gibt auch Bänke und Tische und sogar einen Feuerplatz. 

Am nächsten Morgen sind wir allein und bleiben noch einen Tag am See mit dem herrlichen, weichen Wasser, das auch die zaghafte Frau am liebsten nicht mehr verlassen möchte und an dem man die ganze Nacht sitzen könnte, wenn die Mücken mit der Dämmerung nicht die Herrschaft übernehmen würden. Die Himmel färbt sich zu fahlem Blau mit rosaroten Rändern, wird blasser und blasser — ist nachtschwarz.