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Geschrieben von Nora Lachmann

52°31'22''N,13°23'18''E

 

 

website blog 239Gründe für die Berlinale:
Filme (offensichtlich), Entdeckungen (manchmal), Begeisterung (immer)

Noch einmal 4 von 400 — von bitterböse bis herzlich:

1. Wilde Maus (Josef Hader)

Haders Musikkritiker ist kein netter Mensch, sein Blick auf die Welt, die Musik, seine Beziehung ist eher negativ und fatalistisch. Die Kündigung durch seinen deutschen Chef führt zu einem absurden Rachefeldzug. Das lebt von Übertreibungen, von Dialogen und Taten, die immer ein bisschen schräger und gemeiner sind, als man sich normalerweise traut. Und es macht Spaß, dabei zuzusehen, beim vergeblichen Anrennen  — auch buchstäblich — gegen die Absurdität des Lebens.

2. The Party (Sally Potter)

Es wird keine Feier geben in dem kürzesten Film im Wettbewerb. Stattdessen ein Feuerwerk an Dialogen, die alle Lügen und Schwächen offenlegen. Eine schwarzweiße Welt in Wohnzimmer, Küche, Bad und einem kleinen Hinterhof. Statt die Ernennung der Gastgeberin zur Gesundheitsministerin zu feiern, wird abgerechnet. Auf jeden Satz folgt eine Replik, die alles nur noch schlimmer macht. Ein bissiges, sehr unterhaltsames Bild des liberalen Bürgertums mit einem hervorragenden Schauspielerensemble.

3. Final Portrait (Stanley Tucci)

Die dürren, unfertig scheinende Skulpturen von Albert Giacometti sind weltbekannt. Er war ein ständiger Zweifler auf der Suche nach dem perfekten Abbild, von dem er nicht glaubte, es schaffen zu können. Darum geht es bei der Arbeit an dem titelgebenden Porträt. Mit dem Blick des Models James Lord, von dem auch die Buchvorlage stammt, beobachtet der Film einen verzweifelten, missgünstigen, fanatischen Künstler, dessen Unzufriedenheit zum Schaffen gehört und die Geoffrey Rush in Blick und Mimik, in Pinselführung und Körperhaltung jede Sekunde anzusehen ist.

4. Maudie (Aisling Walsh)

Maud Lewis ist Kanadas bekannteste naive Malerin. Der Film zeigt vor allem den unerschütterlichen Optimismus, mit dem sich Maud den harten Lebensbedingungen und der Krankheit entgegenstellt. Kunst als Versuch, das Leben schöner zu machen. Maud bemalt einfach alles: das Haus, kleine Karten, Bretter. Sally Hawkins verleiht ihrer Maudie eine innere, großherzige Stärke, die auch in dem grummeligen Mann den letztlich liebevollen Partner entdeckt und das Publikum zu minutenlangem Beifall von den Sitzen reißt.

Womit wir bei der Begeisterung wären, die für mich das Schönste an den Berlinale-Besuchen ist. Dieses Publikum aus vielen Nationen, das sich gemeinsam an Filmen freuen will, das mit Begeisterung die Werke engagierter FilmemacherInnen sieht, das stundenlang in der Kälte steht, unbequem sitzt und mit leuchtenden Augen applaudiert.