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Geschrieben von Nora Lachmann

52°31'22''N,13°23'18''E

 

 

website blog 234Vier Mal Familien, Beziehungen, Strategien der Problemlösung.
Zwei Mal im Forum, zwei Mal im Wettbewerb.

 

1. Werewolf (Ashley MCKenzie)

Die Kamera rückt nah, fast zu nah — man sieht Haare, Füße, den halben Ausschnitt eines Gesichts. Den Portionierer für Methadon in einer Apotheke, das hastige Schlucken. Ein junges Paar versucht, zusammen clean zu werden. ihre Welt ist eng: die kleine Stadt in Kanada, Sozialstation, Arzt, Apotheke, ein verlassener Wohnwagen. Man möchte sie schütteln — Ihn, damit er endlich aufhört, die Verantwortung für sein Elend allen anderen zu geben, und sie, damit sie ihn endlich verlässt. Sie wollen beide weg, aus diesem Ort, aus diesem Leben. Immer wieder reden sie davon.
Die Regisseurin und die meisten von der Filmcrew kennen den Ort gut, es ist ihre Heimat. Wohl auch deswegen wirkt der Film sehr dokumentarisch — mit Ausnahme der beiden Hauptfiguren agieren Laien.

2. Barrage (Laura Schroeder)

Drei Generationen, Großmutter, Mutter, Tochter. Drei Generationen Disziplin und Pflicht, Scheitern und Enttäuschung. Catherine sucht Kontakt zu ihrer Tochter Alba, die sie vor zehn Jahren bei der Großmutter Zaza zurückgelassen hat. Es geht zunächst schief, muss schiefgehen, denn Catherine ist gefangen in Abwehr und Ablehnung, dem eigenen Scheitern. Blicke, Schweigen, vorsichtige Annäherung, ein wilder Tanz von Mutter und Tochter am See. Überhaupt die Musik, sie spielt in der Musikbox, die Catherine für ihre Tochter angeschafft hat, sie begleitet beide in den Wald, an den See. Musik ist das Element Hoffnung, die Annahme dessen, was war, was wurde, was ist.

3. The Dinner (Oren Moverman)

Zuerst wird viel gelacht. Es ist sehr witzig, wie Paul über seinen Bruder Stan herzieht, den Politiker, der Gouverneur werden will und natürlich einen Tisch im teuren und ungemein angesagten Restaurant bekommen hat, in dem jedes Gericht mindestens aus sechs Zutaten besteht, die ausführlich vom Oberkellner beschrieben werden. Paul ist humanistisch gebildet, eine moralische Instanz, ein Geschichtslehrer, der seine Schüler aufrütteln will und den Schuldienst quittiert hat. Einer der vielen Brüche im Film, hier bleibt niemand ungeschoren. Wie sollte das auch gehen, da die Söhne der beiden eine schreckliche Tat begangen haben und die Eltern vor dem Dilemma stehen, ob sie alles tun, um ihre Kinder zu schützen oder alles tun, um sie zur Verantwortung zu ziehen. „Angerichtet” heißt die Vorlage von Herman Koch, spielt nun in den USA und auch hier ein Kommentar zu Gewalt in der Gesellschaft, zu Verantwortung. Das Herumreden, das Leugnen und Beschönigen, das Aufbrechen alter Wunden und die verzweifelten Versuche, alles in den Griff zu kriegen, sind ungemein spannend bis zur allerletzten Minute.

4. Helle Nächte (Thomas Arslan)

Nun der lange Zeit abwesende Vater, der seinem Sohn nahekommen will. Ausgangspunkt ist die Fahrt zur Beerdigung des Vaters bzw. Großvaters in Norwegen. „Er war lieber allein.” Auch am Grab stehen nur die Pfarrerin, Vater und Sohn. Es wird viel geschwiegen, auch auf der anschließenden Reise in die Berge. Langsam erzählt der Film das in einer fast menschenleeren Landschaft. Sie fahren, wandern, zelten und versuchen, in den hellen Nächten Schlaf zu finden. Zwei spröde Menschen, Nähe abwehrend, streitend und zueinander findend — ein wenig, vielleicht.
Wie in den anderen Filmen wird nichts gut, aber ein wenig besser — vielleicht.